Dienstag, 27. Februar 2018

'Zagen' : aus Unentschlossenheit, Ängstlichkeit zögern / aufgrund von Bedenken unentschlossen sein

Durch meine Arbeit als Coach erlebe ich die Menschen. Sie tun etwas oder nicht - sie beginnen oder nicht - sie handeln oder nicht - sie machen den Mund auf oder nicht. Sie leben selbstbestimmt oder eher fremdbestimmt.

Diese dauernde Zerrissenheit oder Ambivalenz, diese immer vorhandene Polarisierung von Sein oder Nicht-Sein, und das damit einhergehende Lavieren zwischen widersprüchlichen Umständen mag menschlich sein - ob es förderlich ist, möchte dieser Blogbeitrag betrachten. 

Denn mit all diesen Dualismen (Wertepaare) verhält es sich von Region zu Region, von Land zu Land und von Selbstverständnis der Sozialisation zu Selbstverständnis der Sozialisation unterschiedlich. Es ist nicht "gegeben / sakrosankt" wie man lebt. Oft bestimmt einem viel mehr, woher man kommt. 

Nehme ich den Begriff 'Pflicht', ist damit, wenn alle Pflicht gut und richtig finden (dualistische Bewertung), eine Sache sozusagen ausgeschlossen / nicht wirklich denk- bzw. lebbar: pflichtlos zu bleiben, so ganz ohne Pflicht, oder anders gesagt: sich nur der Kür zuzuwenden. 


Wenn 'Pflicht' oder 'Vernunft' ein gültiges Mass darstellen, gibt es nicht wirklich ein Ich.

Nehme ich die Idee vom 'Ich' zur Pflicht dazu, ... da kann ich pointiert schreiben: Wenn Pflicht gilt, dann gibt es sozusagen kein Ich mehr. Ist irgendwie ausgeschlossen. Was einzig zählt ist, ob die Pflicht verrichtet wird. Egal worin. In allem. Erst die Pflicht. Basta. Egal wie deine Seele, deine Träume, deine Wünsche oder sonst was alles, ja sogar deine körperliche Gesundheit dabei den Bach runtergehen, "du musst zuerst noch ... / mach endlich wie ich dir gesagt habe .../ ich muss doch noch / Mutter hat gesagt, ich soll ... / etc". Irgendwer anderes hat das Sagen in mir. 

"Irgendwer" scheinen besonders die eigenen Eltern zu sein. Dann LehrerInnen, LehrmeisterInnen, ProfessorInnen, ChefInnen. Gerne "sagen / verpflichten" einem auch Nachbarn, das Dorf, die Kirche, der Verein, die Clique, etc. was zu tun ist - allein das "Geschwätz der anderen" kann einem Angst erzeugen und an Dingen und einem Handeln festhalten, welches man dann denen zu Liebe verrichtet - nur mit einem selbst hat es nichts oder nur wenig zu tun. 

Ob elterlich oder gesellschaftlich - man ist in der "Pflicht", den anderen zu gefallen. Und so meint man automatisch, wenn die lieb und wohlgesonnen zu mir sind, mich "sympathisch" finden, hätte ich selber ein gutes und zufriedenes Leben geführt. - Dabei werden Sie gerade um dieses betrogen.


Man darf ohne jede Bewertung von Richtig oder Falsch wie ein Normalbürger unter Normalbürgern leben - das bleibt ok. Aber nur, wenn ich mir nach reiflicher eigener Überlegung selber dazu entschlossen habe. Wenn ich das unhinterfragt tue, lebe ich als Mensch, ob Mann oder Frau, in einer meiner von Aussen, also von Fremden oder jedenfalls anderen Menschen bestimmten Anpassung. Und der Motor, der mich wie ein Wackeldackel in Bewegung hält, genau das zu tun, was "die" wollen, ist mich damit zu erpressen, dass sie mich nicht mehr lieben und annehmen würden, würde ich gegen sie handeln. Zuckerbrot und Peitsche. 

Nur Liebe oder Annahme, Akzeptanz und Respekt, Wertschätzung und Ok-sein ist das nicht. 

Was man verzeihen kann und auch muss: Dieses Elterliche, Anerzogene, Überstülpte aber Fremde, ist aus der Not geboren, Kinder zu Erwachsenen zu erziehen, und als Erziehende keine andere Herangehensweise zu kennen. 


Denn das Erziehende von Eltern und Umfeld ist ein von Heer und Militär geprägtes. 

Denn das Erziehende von Eltern und Umfeld ist ein von Heer und Militär geprägtes. Die Form der Erziehungswerte und Erziehungshandlungen stammen aus einer mehrhunderjährigen Kultur der Heeresführung, ohne die noch kurz zuvor herrschende Leibeigenschaft dabei zu vergessen. In der Hierarchie der ältesten Top-Down-Organisation, welche über Leben oder Tod ihr Handwerk (die Kriegsführung) verrichtet, entstanden Leitfäden, Menschen einzuteilen, zu  ordnen, zu befehlen, also mit einem Auftrag auszustatten, anzuführen, durchzuführen - besonder zu siegen - bis hin, für die eigene Sache zu sterben (siehe Auftritt von Erdogan in diesen Tagen mit dem weinenden Mädchen in Militäruniform). 

Es reicht durchaus, die eigenen elterlichen Generationen seit dem Vor-Preußentum zu nehmen, um einen Blick dafür zu gewinnen, woher in der Familie die Idee von Zucht und Ordnung stammt. Der Drill, das Adrette, die Ordnung und Reinlichkeit - jedes schulische Pauken. Alleine 'gerade stehen' ist eine militärische Idee. Das ewige Feedback der Eltern zu: "Das nächste mal kannst du es besser machen, wenn die anderen es können. / Leistung, Leistung, Leistung / Sei keine Memme / etc" verformt dabei unhinterfragt den Charakter bzw. zersetzt Selbstbestimmheit und Selbstsicherheit durch Zweifel - Zweifel, das seelische Gift per se.

In all dem geht das Eigene des Einzelnen - also gehen Ihre nun erwachsenen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche unter. Sie werden AkademikerIn, weil Ihre Eltern das so verlangten, dito der Arbeitsmarkt, der Konsum, der Neoliberalisms in Form von Optimierungen. Was Sie gerne machen würden, weiss niemand. Und ganz besonders Sie selber nicht (sag ich hier mal so um zu pointieren). 

Zumindest gibt es DIE FRAGE: Wie sehr sind Sie fremdbestimmt? oder: Wie sehr handeln Sie aus Ihren Gefühlen und Bedürfnissen? - Das ist der Spannungsbogen auf einer Skala von 0 bis 10. 


Wie sehr sind Sie fremdbestimmt? Wie sehr handeln Sie aus Ihren Gefühlen und Bedürfnissen?

Und in diesem Dualismus, dieser innerlichen Polarität zweier Handlungsoptionen können Sie erkennen oder spüren, dass unendlich viele Muster, Reaktionen und Angstgefühle angelegt sind, ZU ZAGEN, Angst und Befürchtungen zu haben, was "die Anderen" denken? 

Ihr ganzes Leben referenziert sich an den Bewertungen durch andere - außer Sie haben sich je davon durch Selbstkompetenz und emanzipative Ablösungsschritte weg entwickeln können. Es liegt auf dieser Skala. Ob ein Mensch so zu 100% sich befreien kann - vermutlich nicht. Auch ich will geduscht und mit frischer Kleidung, sauberen Schuhen und mit Höflichkeit wie Freundlichkeit in die Begegnung mit anderen Menschen, besonders mit meiner Klientel. Ich entspreche also auch der Konvention und Sozialisation. 

Aber wissen Sie - wenn ich nicht mehr Coach sein mag, sondern lieber Obstgärtner, werde ich in meiner gewonnenen Freiheit Obstgärtner. 

Oder anders gesagt: Ich werde nicht für wen anderes nun Coach bleiben, wenn mich das unglücklich und krank machen würde, wenn ich das nicht mehr tun möchte. In mir zagt es da gar nicht. Ich kenne meine Gefühle und Bedürfnisse, ich spüre mich, ich habe mir das über Jahre erarbeitet, mich von Mutter, Vater, Obrigkeit und einem erwarteten Rollenverhalten zu befreien, so dass ich mich spüre, mich mag und weiss, was ich brauche, um eben nicht gut oder falsch, sondern ok und stimmig und mit mir einig im Leben zu stehen. -

Die Zerrissenheit, die Ambivalenz erzeugt in einem Menschen dann etwas, was ich noch weniger mag, als wenn sich jemand seinem Schicksal ergeben hat: Es ist eine Sache, sich im Leben mehr oder weniger bewusst ergeben zu haben. Aber was ich meine zu beobachten ist ein viel grössere Anteil an Menschen im Umfeld, die in sich selber täglich und über Jahre einen krankmachenden Kampf führen, zwischen dem, was sie selber gerne möchten und dem, was sie sich wegen fremder Anforderungen nicht getrauen. Sie sind nicht einer Seite zugewandt - nein, sie zerreiben sich in einem täglichen Frust zweier Seelen in ihrer Brust. Sie spüren, nicht echt zu sein. Sie wissen darum, "nur zu gefallen". 

In diesem jahrelangen K(r)ampf, der schon beim kleinsten Äussern eines Wunsches von Aussen rasiert wird, VERZAGT man mehr und mehr, verschüttet man das Eigene. Man verleumdet sich sozusagen. Und man ist auch, wenn es schlimm kommt, nicht mehr sich selbst. 

Ein stolzer Klient sagt zu mir in einem Gespräch: "Was ich hier alles bespreche, das konnte ich so nicht - nirgendwo, mit nirgendwem. Selbst mit meiner Frau nicht wirklich, da sie ja bei vielen Aspekten Verhandlungspartnerin wäre." Ich antworte: "Genau. Ich kann mir Ihnen aus neutraler Position alles besprechen, muss aber nachher nicht mit Ihnen nach Italien ziehen, wenn Sie sich dafür entscheiden." Wir lachen laut raus ... 

In den bezahlbaren Stunden eines vereinbarten Coachings können Sie sich jenen Raum organisieren, wo ein Anfang gemacht werden kann, der nur Sie und nur Ihre Anliegen im Gespräch behält. Viele Meta-Bemerkungen von Klientel geht in die Richtung:
  • Hier fühle ich mich nicht bewertet
  • Hier kann ich über alles sprechen, ohne Angst- oder Schamgefühle
  • Ich brauche oft keine direkte Lösung - was ich brauche ist dieses innere Lösen
  • Ich kenne niemanden, mit dem ich je so offen gesprochen hätte
Es geht bei diesen Feedbacks nicht um meine Qualitäten oder um Werbung. Es geht darum zu zeigen, dass ein befreiender und geschätzter Unterschied entsteht, wenn man sich selbst in den Rahmen eines Coachings begibt: Man kriegt den geschützten Raum fürs eigene Selbst. Keine Eltern, kein Partner, kein Chef, keine Regeln - und damit viel weniger Bedenken. 

Und dann ist nach meist wenig Zeit das Zagen oder sogar Hadern weg. Oder viel besser noch: Das Gefühl, sich selbst gelten zu lassen - WOW - das ist vielleicht eine Wohltat. Das stärkt - egal wozu. Das Eigene ist so eine ganz andere Währung, fürs Leben ein- und auszuatmen. 

Wie man nachher mit Eltern oder dem Arbeitgeber umgeht, mit Kollegen und Nachbarn, das ist Sozialkompetenz. Das ist an vielen Stellen leichter, da lernbar. Aber Raum und Stärke, Etablierung des Eigenen, des Persönlichen, dieses 'Eigene' als Anteil an Wünschen und Träumen, das gewinnen Sie entweder alleine im Wald (gratuliere) - oder in etwas Zeit bei einem vereinbarten Gespräch, welches nicht-wertend und nicht-direktiv nur eine Sache auf der Bühne lässt: Sie und ihr Inneres!


Nicht unerheblich: Viele zögern wegen dem Geld - "Wer spricht gerade in mir?"

Kein unerhebliches Thema: Viele zögern (zagen) wegen dem Geld. Ich kann den Gedanken nachvollziehen und Ihnen ok sein lassen. 

Was Sie tun können: Sie können schauen, ob dieser Spargedanke wirklich Ihrer ist, oder ob der Ihrer Mutter, die nach dem Krieg sparen und auftragen musste. Das ist die erste Gedankenrichtung die Sie vielleicht bei einem alleinigen Spaziergang im Wald betrachten können. Die hier berühmte Frage lautet: "Wer spricht gerade in mir?" Mein Mutter? Unsere damalige Knappheit? Die Kolleginnen? Der Wunsch nach Urlaub? - wer sagt in  mir, dass das Geld für ein Coaching erst einmal eine fragwürdige Ausgabe ist, "..., welches "Du" dir sparen könntest"? Und gerade wenn Sie wohlverdienende Führungskraft oder sogar UnternehmerIn sind - fragen Sie sich, woher ein mögliches "Spar- oder sogar Geiz-Verhalten" herkommt in Ihrem Leben. 

Dann gehen Sie ein paar Tage später nochmals alleine spazieren - auch mit der Überzeugung, das für Coaching zu zahlende Geld sei bloss unsinnig ausgegeben und fragen sich in eine zweite wie dritte Richtung folgendes: 

a) Wie "teuer", wie "geldmässig wertvoll" ist allein in den ersten zwei Jahren das, was ich eigentlich gerne leben und haben möchte? Wie viele Euros wären für mein echtes Lebensgefühl zu veranschlagen?

und

b) Wie "teuer", wie "geldmässig wertvoll" ist es innerhalb von zwei Jahren, wenn ich mich nicht entwickle und nicht zum Meinigen gelange? Welche Schäden an Herz und Seele, Bauch und Intimbereich, an Übergewicht und Ersatzhandlungen, an Unglück und Demotivation kostet es, wenn ich mein Zagen belasse, um das Geld für ein Coaching zu sparen? Oder für ein Coaching danach zu schielen, ob es ein Gratiscoaching oder ein Minderhonorar gäbe? Was für ein Dackel des Geldes bin ich gerade,  da ich ja Geld habe? Oder bin ich nicht Knecht der Idee "man müsse bloss kein unnötiges Geld ausgeben"?

Sollte das ehrliche Verhältnis eines Return-on-Invest bei 3:97 liegen, ist das so eine Stelle, wo Sie auf Ihrer Skala zwischen 0 - 10 dem innerlichen Zagen einen klaren Zug versetzen vermögen. Sonst bleiben Sie gerne von Ihrem Geld fremdbestimmt.


Willkommen. 

Jona Jakob, Aschaffenburg